Wo bist du?

ISBN  978-3-7485-3897-4   (Buchhandel, Amazon) 


 

Als Tina Krüger im Mai 2005 David heiratete, war es ihre große Liebe. Nach 12 Jahren Ehe glaubt sie, dass sich seine Liebe zu ihr schleichend fortbewegt. Um herauszufinden wie stark seine Liebe zu ihr noch vorhanden ist, verlässt sie David mit unbekanntem Ziel und lässt ihn verzweifelt zurück. „Wenn du mich wirklich liebst, dann wirst du mich finden. Aber nur dann!“, waren ihre letzten Worte. 

Tina geht nach Lanzarote in das Palm Beach Hotel, wo sie ihre Flitterwochen verbracht hatten und hofft, dass er sich daran erinnern wird. Als sie in eine Yacht einsteigt, nimmt das Schicksal seinen Lauf und es ist Tina nicht mehr möglich zurückzukehren. 

David ist verzweifelt, macht sich bittere Vorwürfe, dass er in seinem Geschäft zu stark eingebunden war und damit seine Liebe zu ihr vernachlässigt hatte. David stürzt ab, als er sie nicht mehr finden kann und er beginnt langsam zu glauben, dass sie sich nur von ihm trennen wollte. Als er meint den Beweis erhalten zu haben, versucht er sie zu vergessen und verlässt Deutschland. 

Nachdem sich Tina wieder freimachen kann, erfasst sie eine starke Sehnsucht zu David. Sie kehrt zurück und als er nicht mehr auffindbar ist und ihr Bild am Boden zerstört liegen sieht, weiß sie, dass sie ihn verloren hat. Doch sie ist entschlossen nicht aufzugeben und jede Nacht vor dem Einschlafen legt sie ihren Arm über sein leeres Bett und haucht: „David, wo bist du? Ich liebe dich.“ 

Leseprobe

 

 

David Krüger hatte sich in sein Büro in seiner Droge­riezentrale in Stuttgart zurückgezogen. Er fühlte sich müde, abgeschlagen und wusste, dass er nicht mehr so weiter­machen durfte und die Reißleine ziehen sollte. Er griff zu seiner aus Wurzelholz geschnitzten Pfeife und stopfte sich gedankenversunken den Pfeifenkopf mit dänischem Tabak. Tina hatte ihm die d 7-jährigen Hochzeitstag geschenkt. Sie liebte es, wenn sie abends in ihrer Villa in Leonberg saßen und er genüsslich an der Pfeife zog. Doch er kam meistens zu spät nach Hause und somit verblieb wenig Zeit, ihr Glück zu genießen. Die Vorwürfe, die sich in ihm einnisteten, erfüllten ihn mit Depressionen. 

Es war Freitagnachmittag, der 15 März 2005, als er in das bekannte Modehaus Inter-Mode fuhr, um sich neu einzukleiden. Auf eine seriöse Garderobe hatte er nie Wert gelegt und würde nie einen Smoking kaufen, wenn nicht sein Freund Oliver Hahn am Samstag heiraten würde. Oliver, der in Darmstadt eine große Spedition geerbt hatte, sich dementsprechend gab und gerne auf alle herabsah, die es im Leben zu nichts gebracht haben. Seine zukünftige Frau besaß in München ein exklusives Modehaus und hatte ebenfalls Geld ohne Ende. Die Hochzeit sollte in ihrem Ferienhaus am Starnberger See stattfinden. Und da die Hochzeitsgäste alles „obere Sahne“ waren, konnte er schlecht in Jeans erscheinen. So fuhr er missmutig in das Parkhaus, steuerte das Dachgeschoß an und fuhr in einen Eckparkplatz ein. ­ 

Ein ordentlicher Stoß an der Beifahrertür machte ihm klar, dass jemand auf seinen Golf aufgefahren war, den er erst seit zwei Wochen besaß. Er kochte. Wutentbrannt stieg er aus. Als er die Frau sah, die aus ihrem roten Cabriolet stieg, wurde ihm heiß. Sie stand vor ihm, ihre blauen Augen flackerten nervös, er hörte ihre erregende, helle Stimme, ver­stand kein Wort und musste sie immer nur anstarren. Diese kleine blonde Frau mit ihren geschwungenen Lippen, ihrer schlanken, sagenhaften Figur, die durch die grüne enge Jeans und ihren weißen Rollkragenpullover voll zur Geltung kam, brachten seine Gefühle in Wallung. „Mein Gott ist die niedlich“, durchfuhr es ihn. Er hörte sie sprechen verstand aber nichts. „Was für eine Frau“, dachte er weiter. Dann änderte sie ihre Tonart, stemmte beide Hände gegen ihre Hüfte und ihre Augen blitzten zornig. 

„Ich habe ihr Auto gerammt“, schrie sie aufgebracht. „Ich rede die ganze Zeit auf Sie ein, Sie reagieren überhaupt nicht und starren mich nur an. Sind Sie überhaupt normal?“ 

Er kam wieder zu sich und stellte sich vor. Sie nahm aus ihrer Umhängetasche ihre Visitenkarte und überreichte ihm diese. 

„Sie lassen ihr Fahrzeug reparieren und schicken mir die Rechnung“, sagte sie entschlossen. „Wenn Sie wollen, können wir auch die Polizei holen.“ 

„Nein, ... nein“, erwiderte er stotternd. „Ich muss mich entschuldigen und will Ihnen sagen, warum ich Sie nur angestarrt hatte. Sicherlich, ... Sie werden mir das nicht glauben, es als eine Dreistigkeit ansehen und doch muss ich Ihnen den Grund sagen.“ 

„Reden Sie schon“, forderte sie ihn auf. Ihre Augen blitzten und er meinte ein kleines Lächeln zu erkennen. 

„Ich, ich, – –“ 

„Ja, – und?“ 

„Sie ahnt was ich sagen will“, war sein Gedanke. Ihre Lippen hatten sich zu einem erotischen Lächeln verzogen. Egal, auch wenn sie ihn jetzt auslachte, musste er es ihr gestehen: „Ich kenne Sie nicht und doch meine ich, ... ich kenne Sie schon eine Ewigkeit. Ich habe mich in Sie verknallt. Ach, – ich komme mir wie ein dummer Junge vor und jetzt dürfen Sie mich auslachen.“ Er steckte die Visitenkarte in seine Brusttasche und war dabei, sich von ihr abzuwenden. 

Sie trat näher zu ihm heran. „Warten Sie!“, ihre Augen hatten dabei einen Ausdruck, dass er am liebsten in den Boden versunken wäre. 

„Glauben Sie an die Liebe auf den ersten Blick?“, spru­delte er heraus. 

Sie wischte sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und erwiderte lächelnd: „Vielleicht.“ 

„Darf ich Sie in ein Café einladen?“, meinte er und be­reute zugleich seine Frage, die ihm ungewollt über seine Lippen kam. 

Sie lachte hell auf und zeigte ihre strahlenden Zähne. „Sie sind nicht nur verrückt, sondern auch ziemlich direkt.“ 

Er fühlte sich wie ein kleiner Junge, der etwas aus­ge­fres­sen hatte. Nein, wie konnte er es wagen, einer Unbekannten seine Gefühle so zu offenbaren, um sich dann zum Gespött zu machen? „Entschuldigen Sie“, hauchte er mit kratzender Stimme und wendete sich von ihr ab. Ihm wurde heiß, als sie seine Hand nahm, zu ihm schmunzelnd hochblickte und leise sagte: 

„Komm, lass uns eine Tasse Kaffee trinken!“       

Und er ließ sich führen. Er fühlte ihren festen, warmen Händedruck und wusste, dass ihn diese kleine, freche und niedliche Frau gefangen hatte. Er spürte, wie sie öfters leicht seine Hand drückte und Glücksgefühle durch­strömten ihn. „Aber nur auf einen Kaffee“, gurrte sie lächelnd, ließ seine Hand los und sah ihn schmunzelnd von der Seite an. „Ich lasse mich gerne führen“, bemerkte er zaghaft. Sie lachte hell auf. 

Er war erleichtert, als sie bald darauf das Café König betraten, wo ihnen Melodien eines Geigers entgegen­schlugen. An einem kleinen Ecktisch hatte er mit ihr Platz genommen. Als er über den Schaden sprechen wollte, schüttelte sie ihren Kopf und sagte leise: „Das lassen wir. Sie schicken mir einfach die Rechnung zu und ich begleiche sie.“ Sie winkte der Bedienung, bestellte eine Schwarzwälder Kirschtorte sowie ein Kännchen Kaffee, während er nur den Kaffee wollte. Er verstand sich selbst nicht mehr, weil er auf all ihre Fragen antwortete, während sie seinen Fragen aus­wich. Er wusste nur, dass er in diese Frau maßlos verknallt war und sein sehnlichster Wunsch war, sie wieder zu treffen. 

Als der Geiger an ihren Tisch kam, neben ihnen stehen blieb und MY HEART WILL GO ON spielte, konnte er sich ihren blauen Augen nicht entziehen und sah, wie sie ihn mit einem verträumten Blick ansah. Diese Melodie der Titanic zog ihn in eine andere Welt und er musste ihre Hand ergreifen. „Glau­ben Sie wirklich an die große Liebe?“, hörte er sie leise fragen. 

Das schrille Läuten des Telefons brachte ihn wieder in die Gegenwart zurück. „Hallo altes Haus“, hörte er die Stimme seines langjährigen Freundes Patric Gruber. „Ich habe lange nichts mehr von dir gehört. Wie wäre es, wenn wir uns heute Abend zu einer Partie Schach treffen?“ 

Patric, mit dem er schon im Sandkasten gespielt hatte. Er, der seinen Reichtum mit Frauen und seiner Spielsucht heruntergewirtschaftet hatte. „Mir ist heute nicht danach zumute. Ich habe noch einiges zu erledigen. Ich melde mich morgen bei dir.“ 

„Dir ist nicht zu helfen“, vernahm er ihn ungehalten. „Also, wenn du meinst, dass du wie eine Maschine weiter­machen musst, – dann bitte.“ Das Aufknallen des Telefon­hörers verriet ihm, dass Patric verärgert die Verbindung abgebrochen hatte. 

Langsam legte er den Hörer auf. Ja, er hatte Recht. Er war im Grunde genommen eine Arbeitsmaschine. Er dachte dabei an seinem Vater, der wie er ein reiner Arbeitsmensch war. Als er starb, hatte er acht Drogeriemärkte geerbt und dann auf fünfzehn erweitert. Mit Schwermut dachte er an ihn, mit dem er ein inniges Verhältnis besessen hatte, während er sich an seine Mutter nicht erinnern konnte. Dann starb er infolge einer Herzattacke. Ging es ihm bald genauso? Er fühlte sich in letzter Zeit sehr schlecht, hatte immer wieder diesen Druck im Brustkorb, war stets müde und musste sich jeden Tag zur Arbeit zwingen. Als er sich erheben wollte, verspürte er einen tiefen Schmerz in seiner Brust und alles schien sich um ihn zu drehen. 

Er legte seine Pfeife ab, versuchte sich zu entspannen und alle negativen Gedanken zu verbannen. Als die Brust­schmerzen nachließen und der Schwindel sich verzogen hatte, erhob er sich langsam und ging torkelnd aus seinem Büro. Ihm wurde klar, dass er seinen Stress abbauen musste. Er musste zum alten Professor Albert Kuhn gehen, zu dem auch sein Vater größtes Vertrauen besessen hatte, woraus später eine enge Freundschaft wurde. 

Albert Kuhn, der als Krankenhausdirektor aus der Virchow Klinik ausgeschieden war, hatte sich danach noch in seinem Haus eine Arztpraxis eingerichtet. „Der kann doch auch nicht loslassen“, dachte David, als er an seiner Haustür klingelte. Der Türöffner klickte, er betrat das Haus und Albert Kuhn empfing ihn freundlich. „Komm herein“, forderte er ihn auf und klopfte ihm kräftig auf die Schulter. Er mochte ihn, war er doch auch ein guter Freund seines Vaters gewesen und wenn er an die gemeinsamen Ausflüge dachte, musste er unwillkürlich an ihn denken. Er saß ihm gegenüber und rang nach Worten. Albert Kuhn hatte seine gefalteten Hände über den Tisch gelegt und schüttelte bedächtig den Kopf und begann: 

„Du brauchst mir gar nichts zu sagen. Ich weiß sehr wohl, warum du hier bist und ich hoffe ja immer noch, dass du dir über dein Leben mehr Gedanken machst.“ 

„Mir ging es heute Morgen sehr schlecht und auch jetzt fühle ich mich schwach und unwohl.“ 

„Mein lieber Junge“, begann er von neuem und dieses in einem sehr energischen Ton. „Du gleichst deinem Vater so sehr. Was habe ich auf ihn eingeredet, kürzer zu treten. Natürlich, er hatte aus dem Nichts acht Drogeriemärkte aus dem Boden gestampft. Das aber auf Kosten seiner Gesundheit und es war auch nur eine Frage der Zeit, bis er einen Herz­infarkt bekam. Und den hatte er dann auch bekommen. Danach hast du den Betrieb übernommen und leitest jetzt nicht nur acht Märkte, sondern fünfzehn. Aber David, – zu was für einem hohen Preis! Mich wundert, dass Tina dich immer noch liebt. Du bist selten zu Hause und wenn du heimkommst, bist du müde und abgekämpft. Mich würde nicht wundern, wenn sie sich einmal einem anderen Mann zuwendet.“ 

„Das würde sie nie tun“, antwortete er lauter als er wollte.“ 

„Papperlapapp“, entrüstete sich Albert Kuhn. „Sie will dich nicht immer nur müde sehen, sie will mit dir leben, sie will mit dir ausgehen und sie will auch deinen Körper. Aber dazu bist du wohl auch nicht mehr in der Lage.“ 

Ihm wurde heiß und er musste sich eingestehen, dass Albert recht hatte. Ja, er wendete für Tina zu wenig Zeit auf. Er besaß auch ein  körperliches Bedürfnis nach ihr, aber wenn er abends nach Hause kam, – dann übermannte ihn die Müdigkeit, gepaart mit einsetzender Gleichgültigkeit. 

„Aber wir lieben uns!“, antwortete er zögernd. „Oder glaubst du nicht an die Liebe bis zum Ende?“ 

„Oh doch, David. Aber du hast immer nur das Ziel im Kopf einen Reichtum zu vergrößern. Tina, die Besitzerin von Fünfsternehotels in Hamburg und München ist auch zu sehr eingespannt. Wo bleibt die Zeit zum Ausleben eurer Gefühle? Ihr müsst kürzertreten, abgeben und euch entscheiden, ob Geld alles bedeutet!“ Er machte eine Sprechpause und sah David unentwegt in den Augen, der allen Anschein nach nicht mehr stillsitzen konnte. „Man darf sich glücklich schätzen“, fuhr Albert fort, „wenn die Liebe bis ins hohe Alter anhält. Aber dann muss man auch füreinander Zeit investieren. Doch ich will dir jetzt keinen Vortrag über eine große Liebe halten. Aber du musst an erster Stelle dein Leben ändern und mehr an dich und Tina denken. Ist erst einmal eine Liebe im Ab­klingen, – und das passiert schleichend, dann ist es sehr schwer oder nahezu unmöglich, diese wieder zum Entfachen zu bringen.“ 

David lehnte sich zurück und schloss die Augen. Das, was der Freund seines Vaters sagte, gab ihm zu denken. 

„Und ich brauche dich gar nicht untersuchen“, hörte er Albert erneut sprechen, „und ich lehne es auch entschieden ab. Ich werde dir auch kein Rezept ausstellen, denn nur du hast es in der Hand, was aus dir wird. Willst du ein normales Leben führen? Willst du in Arbeit ersticken und dann deinem Vater folgen? Er hatte auf mich nicht gehört und hat deshalb auch mit seinem Leben bezahlt. Ja, ich verschreibe dir etwas. Ich verschreibe dir zu Leben! Aber wenn du meinst, alles selbst machen zu müssen, bedeutet das, dass du bereits zur funktionierenden Maschine geworden bist und aufgehört hast, Mensch zu sein. Gebe die Hälfte deiner Arbeit in andere Hände. Tina ist 37 und du 39 und Ihr steht jetzt mitten im Leben. Oder soll dein Leben nur aus Kampf und Arbeit bestehen? Wenn du jetzt nicht die Kurve kriegst, dann rate ich dir mal schon nach einer Grabstelle Ausschau zu halten.“ 

Die klaren Worte wirkten auf ihn brüskierend. Doch ihm wurde immer mehr bewusst, dass er Recht hatte und hörte ihm weiter zu. 

„Du hast doch einen sehr guten Freund, den Patric … der menschlich abgefallen ist und den du trotzdem unterstützt. Ich kenne ihn schon genauso lange wie dich, weiß, wie ihr aneinanderhängt und wie Brüder seid. Er hat einen sehr guten und ehrlichen Charakter. Nur war er der Versuchung erlegen und begann nach dem Tod seiner Eltern ein Luder­leben. Letzte Woche war er hier. So kraftvoll wie er sich immer gibt, ist er nicht. Es ist alles nur Fassade und er versucht seine Verzweiflung mit gekünsteltem Humor zu bekämpfen. Patric ist todunglücklich, weil er aus dem Teufels­kreis nicht mehr herauskommt. Gib ihm eine Aufgabe. Eine Aufgabe, die ihm sonst keiner mehr geben wird. Nimm ihn in deinen Betrieb.“ 

David war hierhergekommen, weil er untersucht werden wollte. Die Untersuchung wurde verweigert und er erhielt dafür eine Predigt, die so gewaschen war, dass er augen­blicklich nicht in der Lage war darauf zu antworten. Und dann wurde er noch mit den Worten rausgeworfen: 

„Mach, dass du fortkommst. Ich will dich erst wieder sehen, wenn du meinen Rat befolgt hast.“ 

„Aber du arbeitest mit 70 Jahren ja auch noch!“, versuchte er zu kontern. 

„Das dachte ich mir doch, dass du das sagen würdest. Aber ich mache es nur um beschäftigt zu sein und das Bedürfnis habe, anderen Menschen zu helfen. Das hat mit deiner Arbeitswut überhaupt nichts zu tun. David, ich mag dich. Ich kenne dich ja schon seit über 30 Jahren und bin gerne zu euch gekommen. Meine Freundschaft zu deinem Vater war so groß wie deine mit Patric. So eine Freundschaft ist ein Gottesgeschenk. Deshalb möchte ich auch, dass du deinem Freund hilfst. Dich habe ich heute angedonnert, damit du endlich aufwachst! Ich hätte auch mit deinem Vater so sprechen müssen und bedaure, dass ich es nicht getan habe. Aber bei dir hilft auch nur eine Rosskur. Mach das du fortkommst und ich will dich erst sehen, wenn du dich geändert hast.“ 

Er erhob sich und hatte dabei das Gefühl, als ob er etwas ausgefressen hätte. Wortlos begleitete Albert ihn und entließ ihn mit den Worten: 

„Beherzige was ich dir gesagt habe. Der Sensenmann steht schon vor deiner Tür.“ 

Das Zuschlagen der Haustür hallte noch lange in ihm nach. War es wirklich so schlimm? Er musste nachdenken, in sich gehen und allein sein und keinen Menschen sehen. Er setzte sich in seinen Porsche, steuerte den nächsten Wald an und ging quer durch den Wald. Als er an einen umgestürzten Baum kam, setzte er sich und vertiefte sich in seinen Gedanken. Er konnte später nicht mehr sagen, wie lange er auf dem Baumstamm gesessen war. Doch die Sonne hatte sich schon bereits westlich bewegt und es wurde Zeit, den Heimweg anzutreten. Die Predigt von Albert und der Rat, den er ihm gegeben hatte, verfehlten nicht seine Wirkung. Ja, er hatte ihm die Augen geöffnet, er musste mit Tina sprechen und würde sich morgen mit Patric treffen. 

Auf dem Heimweg beherrschte Alberts Rat so sein Denken, dass er zweimal den falschen Weg ein­ge­schla­gen hatte. Was hatte Albert gesagt? Die Liebe würde sich schleichend verabschieden? Er erschrak, als er feststellte, dass die Liebe nicht mehr die Stärke besaß, wie in der ersten Zeit ihrer Liebe. Nein, er wollte mit ihr das Feuer im Bett spüren. Er wollte weiterhin das Funkeln ihrer Augen sehen, wenn sie ihn ansah. Er wollte wieder mit ihr Hand in Hand spazieren gehen. Er wollte … „Hör auf David Krüger“, brüllte er. 

Er fuhr in die Garage ein, – und blieb sitzen. Er hatte Angst und spürte wieder diesen Druck in seiner Herzgegend. Langsam öffnete er die Wagentür und stieg mit Herzklopfen aus. Warum diese Angst? Sich ihr zu offenbaren und ihr zu sagen, dass seine Gefühle zu ihr nicht mehr so stark waren? Und wieder musste er an Albert denken, der das Wort schleichend verwendet hatte. 

Tina öffnete ihm die Tür und mit einer Beklemmung stand er vor ihr. Ein zaghaftes Lächeln flog ihm entgegen. Bevor er etwas sagen konnte, lag sie in seinen Armen und er spürte den Kuss auf seinen Lippen und meinte, dass sich dieser anders anfühlte. 

Sie griff nach seiner linken Hand und zog ihn entschlossen in den Wintergarten. Seine Überraschung und eine gewisse Angst konnte er nicht verstecken, als er in der Mitte des Raumes einen kleinen runden, weißen Tisch stehen sah, auf dem eine kleine Vase stand, in der zwei dunkelrote Rosen steckten. Zwei Weingläser standen vor den beiden kleinen, weißen Ledersesseln. Ihm wurde heiß und er ahnte zugleich, dass Tina etwas bedrückte. Sie ging zu der kleinen Bar, kam mit einer Flasche Rotwein zurück und schenkte ein. 

„Setz dich bitte ... ich muss mit dir reden.“ Er ließ sich schwer in den Sessel fallen. 

„Ich habe über uns beide nachgedacht. Wir – – –“ 

„Mein Gott Tina, was ist los? Was – – –“ 

„Bitte unterbreche mich jetzt nicht“, fuhr sie ihm da­zwischen. Sie reichte ihm das Weinglas und hob zum Prost das Glas hoch. „Auf uns ... und auf unsere Liebe.“ Das Lächeln, das sie ihm zuwarf, war ein Lächeln, das er so noch nicht an ihr bemerkt hatte. Er stieß mit Tina an und der helle Klang erschien ihm wie der Klang einer Totenglocke. 

„David ... ich hege großen Zweifel, ob die Liebe noch das ist, was sie einmal war. Als ich dir zum ersten Mal begegnete, fühlte ich in mir eine Regung ... die für mich neu war. Wir gingen dann in das Café, wir unterhielten uns und je länger ich mit dir sprach, umso mehr wurde ich von dir ein­genommen. Anschließend machten wir einen Spaziergang und als wir uns trennten, war es schon Abend geworden. In diesem Augenblick wusste ich, dass ich angekommen war und in deinen Hafen einfahren musste. Ich trennte mich von meinem Verlobten Alexander und dabei war ich immerhin drei Jahre mit ihm verlobt.“ Tina stand auf, ging zum Fenster und starrte nach draußen. Er bemerkte, wie sie sich eine Träne aus dem Gesicht wischte. „Nach acht Wochen waren wir verheiratet, was ich nie bereut hatte. Unsere Liebe war der reinste Vulkan, die  Gefühle die wir zu­ei­nan­der besaßen, waren gewaltig und wir konnten nicht erwarten,  bis wir uns wieder in den Armen lagen. Schleichend, sehr schleichend wurden diese Gefühle immer schwächer.“ 

Er musste an Albert Kuhn denken, als er das Wort schleichend benutzte. „Warst du bei unserem Professor?“, fragte er erregt. 

„Wir kommst du darauf?“, Sie hatte sich vom Fenster abgewendet und sah ihn überrascht an. 

„Ich war vorhin bei ihm. Und er hatte genau das gleiche gesagt.“ 

Tina setzte sich wieder, fuhr sich mit der Hand über den Kopf und erwiderte leise: „Er hat ja so Recht. Aber warum warst du bei ihm? Bist du krank?“ In ihren Augen spiegelte sich Angst wider. 

Er nickte mit dem Kopf. „Ja ... ich fühle mich augen­blicklich nicht so gut. Er meinte, ich arbeite zu viel und dass unsere Liebe sich schleichend wegbewegt, wenn wir nicht mehr Zeit für uns aufbringen.“ 

Tinas Hände zitterten, als sie das Glas hob aber gleich wieder absetzte. „Albert ist sehr klug und es scheint, dass du ihm ans Herz gewachsen bist.“ 

„Ich liebe dich, Tina!“ 

„Ich dich doch auch.“ Sie stand auf und setzte sich auf seinen Schoß. Ihren rechten Arm hatte sie über seine Schulter gelegt und sah ihn unentwegt an. „David, ich muss wissen, ob du mich noch wirklich liebst. Abgekämpft und müde kommst du nach Hause. Du bist nur noch fort und wir haben nichts mehr von uns. Ich habe mich in die Arbeit gestürzt, war zu oft in München oder in Hamburg. Ich hätte das nicht nötig gehabt, da ich mich auf meinem Hoteldirektor hundert­prozentig verlassen kann. Aber ich musste mich in Arbeit stürzen, weil ich verzweifelt war und fühlte, wie du dich von mir langsam entfernst.“ 

„Das ist nicht wahr!“, schrie er aufgebracht. 

Sie legte ihren Zeigefinger auf seine Lippen. „David ... wir müssen uns prüfen. Ich werde mit meiner Freundin Bianca fortgehen. Ich nehme sie mit, weil ich sie brauche. Außerdem ist sie über den Tod von Herbert noch nicht weggekommen.“ 

„Und wie lange werde ich dich dann nicht mehr sehen?“ Schweiß rann ihm von der Stirn, den sie ihm mit ihrer Hand wegwischte. 

„Ich weiß es nicht. Vielleicht drei Monate, vielleicht ein halbes Jahr. Ich weiß es nicht. Ich muss mich auch selbst prüfen, ob meine Liebe noch so stark zu dir ist. Die Hotels laufen weiter und meine Koffer habe ich bereits aufgegeben. Aber du wirst von mir nicht erfahren, wo ich mich aufhalte. Wenn du mich wirklich liebst, dann wirst du mich finden. Aber nur dann!“ 

„Das kannst du doch nicht machen.“, schrie er erregt. Er spürte, wie seine Augen feucht wurden und es fiel ihm schwer, seine Tränen noch zurückzuhalten. „Dann haben wir ... keine Chance mehr?“ 

„Oh doch ... David. Ich liebe dich noch immer. Aber ich vermisse deine Wärme, zu wenig nimmst du mich in deine Arme, zu wenig werde ich von dir geküsst, zu wenig unternehmen wir etwas gemeinsam. Und dann habe ich Verlangen nach deinem Körper. Ich will dich spüren. Ich möchte von dir gestreichelt werden. Ich will mit dir wieder glühenden Sex. Und auch das ist nicht mehr so, wie es einmal war.“ 

Tina stand auf und ging zum Telefon. Er erschrak als er mitbekam, dass sie ein Taxi anforderte. Als sie sich wieder zu ihm wendete und das sagte, was er nie hätte hören wollen, konnte er seine Tränen nicht mehr zurückhalten. 

„David, ... mach es uns nicht so schwer. Aber es muss sein. Es tut mir weh ... wie ich dich leiden sehe. Aber auch ich leide. Wir müssen uns prüfen und du solltest dir darüber Gedanken machen, ob dir deine Arbeit und dein Erfolg wichtiger sind.“ 

Tina hatte sich wieder zum Fenster begeben und schwieg. Er wollte sie abhalten, wollte sprechen, doch seine Zunge schien aus Blei zu sein. Er vernahm ein Fahrzeug­geräusch und wusste zugleich, dass der Abschied bevorstand. 

„David. Ich gehe jetzt. Ich gebe dir auch keinen Kuss. Wenn wir uns wiedersehen und ich in der Lage bin, dich mit Feuer zu küssen, dann, David ...“ Sie stockte und konnte nicht mehr weitersprechen. Er sah, wie sie sich von ihm abwendete und mit ihrer Hand ihre Tränen wegwischte. Sie verließ still­schweigend das Zimmer ohne sich noch einmal umzudrehen. Als sie aus der Tür gegangen war, hallte in ihm das leise Schließen der Tür noch lange nach. Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen und konnte seine Weinkrämpfe nicht eindämmen. Er schrie auf, als er die Tischdecke herunterzog und die Weingläser in tausend Stücken zerbrachen. Er stolperte zum Telefon. 

„Guten Abend“, vernahm er Patrics Stimme. Schluch­zend, mit überschlagender Stimme schrie er in den Hörer: „Patric … komme schnell zu mir. Ich bin verzweifelt. Komm, ... ganz schnell.“ Er legte den Hörer langsam wieder auf, sackte in dem Sessel zusammen und bedeckte sein Gesicht mit den Händen.