In den Fängen der Mafia

ISBN 978-3-8423-0042-2   (Buchhandel, Amazon) 

 

 

Der bekannte Architekt Jürgen Wernau geht für ein Jahr nach Kalifornien. Dort lernt er die Hotelbesitzerin Diana Lee kennen. Doch Diana wendet sich seinem Bruder Michael zu. Jürgen Wernau verfällt dem Alkohol. Durch einen Verkehrsunfall sterben Diana und seine beiden Töchter.  Michael verzweifelt. Der Fremde Arnold Kaiser rettet ihn vor den Selbstmord. Michael erfährt, dass Arnolds Frau Rebecca brutal entführt wurde und bietet ihm seine Hilfe an. Helmut Fechter, Kriminalkommissar und Freund von Arnold Kaiser, schaltet sich aktiv ein. Als Rebecca in Kroatien mit einem Mann vor einer Jacht gesehen wird, kommen erste Zweifel auf. Wurde die Entführung nur gestellt? Es spricht jedoch viel dagegen und so wird die Suche nach Rebecca in Kroatien fortgeführt. Sie stoßen dort auf eine Mafia, die Frauenhandel im großen Stil betreibt. Durch die Sklavin Rubia Vasilescu erfahren sie, wie die Frauen mit Brutalität und Menschenverachtung gefügig und in die arabische Welt verkauft werden. Rebecca zu finden und aus den Klauen der Mafia zu befreien, schwindet von Tag zu Tag mehr...

Leseprobe

 

 

Es war heiß. Sehr heiß. Die Junisonne schickte schon seit zwei Wochen ihre glühenden Strahlen auf die ausgetrocknete Erde. Selbst der Wind hatte sich verabschiedet und die dünne heiße Luft drückte auf die Atemwege. Eine Mittagstemperatur von 35 Grad zwang viele Menschen in ihren Häusern zu bleiben und es war nur eine Frage der Zeit, bis sich die Atmosphäre mit einem Orkan entlud. 

Viele Trauernden hatten sich trotz der unbarmherzigen Hitze zu der Beerdigung von Diana Wernau und den beiden Töchtern Lydia und Carmen eingefunden. Sehr viele hatten in der Leichenhalle keinen Platz mehr  und so konnten sie die Predigt des Pfarrers nur aus den angebrachten Lautsprechern hören. Bei den Trauergästen meinte man, eine undefinierte Spannung zu erkennen. Ein leises Tuscheln und Murmeln machte immer wieder die Runde. Dann kam der Zeitpunkt, wo der weiße Sarg mit Rosen bedeckt aus der Halle gezogen wurde. Zwei gleiche, aber kleinere Särge, mit weißen Rosen, wurden jeweils von vier Grabträgern getragen. Der Trauerzug setzte sich in Bewegung. Die Trauergäste gingen mit versteinerten Mienen den breiten Friedhofsweg, flankiert von Hängebirken, bis sie am  Ende des Weges angelangt waren. Neben einer großen Linde war ein breites Grab ausgehoben. Immer wieder sah man, wie viele den Friedhofweg zurückblickten, als ob sie jemanden erwarten. Der hagere, aber sehr große Pfarrer hielt eine aufwühlende Grabpredigt und er konnte seinen Unmut und Ärger nicht unterdrücken, als er mit ungehaltener Tonart sagte, dass es der Ehemann der verstorbenen Diana Wernau und seinen beiden Töchtern Lydia und Carmen nicht für nötig hielt sich zu verabschieden.  Danach sang der Schützenverein von Kaiserslautern Time to say goodbye Die darauffolgende Stille welche dann eintrat, ließen die Anwesenden wie zu Statuen versteinert erscheinen. Selbst der Pfarrer war in sich versunken, hielt die Bibel verkrampft fest und starrte auf den Friedhofsweg. Schließlich gab er den Grabträgern ein Zeichen, die Särge zu letzte Ruhestätte herunterzugleiten. Diese blickten zuerst mit unverständlicher Miene zum Pfarrer, dann in die Runde der Anwesenden, um dann langsam den großen weißen mit roten Rosen bedeckten Sarg in die Gruft herunterzulassen. Dann folgten die beiden kleinen Särge. Leise stimmte der Kirchenchor an  So nimm denn meine Hände. 

Plötzlich kam Unruhe auf. Alle Blicke richteten  auf den Friedhofsweg. Ein Mann mittleren Alters rannte mit hohem Tempo der Trauergemeinde entgegen. Er hatte große Mühe gerade zu laufen, er schwankte, stürzte, richtete sich wieder auf, lief weiter und erreichte schnaufend die Grabstätte. Er war mit einer schwarzen Jeans und einem pastellfarbigen blauen Hemd bekleidet. Die Anwesenden starrten den großen, kräftig gebauten Ankömmling an, als wäre er vom Himmel gefallen. Seine blonde Löwenmähne  hing wirr herunter, seine blauen Augen waren rot unterlaufen und sein Gesicht von seelischem Schmerz entstellt. Am Grab faltete er die Hände und sprach mit schluchzender Stimme das Vaterunser. Als er sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte, versuchten ihn zwei seiner Mitarbeiter zu stützen. Er stieß sie ab und beachtete auch nicht den herbeigeeilten Pfarrer. Er kniete nieder, sein Kopf fiel auf den Boden und verharrte dort weinend in dieser Stellung. Die Zeit schien still zu stehen und man bekam das Gefühl, dass er nicht mehr fähig war, aufzustehen. Plötzlich warf er den Kopf in die Höhe, schaute zum Himmel und mit einem markerschütternden Schrei stieß er aus: „NEIN! NEIN! NEIN!“ Viele der Trauergäste falteten ihre Hände zum Gebet und einige hatten Tränen in den Augen. Michael Wernau erhob sich abrupt, wendete sich vom Grab ab, rannte schreiend den Friedhofweg zurück und verschwand. 

Wie eine Antwort Gottes hatte sich der Himmel verdunkelt. Ein gewaltiger Blitz ließ die Trauernden zusammenzucken und der Donner gab seine Antwort. # 

 

 

Rubia Vasilescu saß mit ihrer Freundin Mia Cres   in ihrer Wohnung zusammen. Mia Cres war ebenfalls  Ärztin, und wie Rubia im Semmelweiß Krankenhaus  beschäftigt.  Im Laufe der Jahre waren sie  enge Freundinnen geworden. Mia war eine sehr schlanke hübsche Frau, immer gut aufgelegt, mit viel Temperament und manchmal übermütig. Sie hörte  ihrer Freundin ohne Unterbrechung zu und streifte  eine braune Locke aus ihrer Stirn.  Ihre graublauen Augen drückten Zweifel und Misstrauen aus. Es war kein offenes Geheimnis, dass immer öfters Frauen verschwanden  und nicht mehr aufgefunden wurden. Je begeisterter  Rubia sprach, umso mehr Angst hatte sie um ihre  Freundin. Zu gerne wäre auch sie nach Deutschland ausgewandert, aber sie würde sich niemanden anvertrauen den sie nicht kennt. Sie stand plötzlich auf und durchwühlte den runden Weidenkorb, in welchen sie gelesene Zeitungen und Prospekte zum Entsorgen deponierte. Rubia stoppte ihre Erzählung und sah ihre Freundin verständnislos an. Seite für Seite durchblätterte Mia alle Zeitungen der letzten  Woche. Dann endlich hatte sie das was sie suchte und las Rubia eine Anzeige aus der Pestor Lioyd Tageszeitung  vor: 

private 

S u c h a n z e i g e 

Vor vier Wochen ist meine Frau nach einer Verabredung nicht  

mehr zurückgekehrt. Sie ist 35 Jahre, 1,70 groß, schlank und 

hat schwarze lange Haare. Sie  war mit einer schwarzen  Baumwollhose und 

grüne Bluse bekleidet. Da ich eine Entführung nicht ausschließen 

kann und die Polizei nicht weiterkommt,  wende ich mich auf diesen 

Wege an die Bevölkerung. Wer hat meine Frau gesehen oder ist etwas 

Besonderes aufgefallen? Krbscheck, Telefon: 0179-124 222 65 

 

„Das muss doch dir zu denken geben“, richtete Mia ihre Bedenken an Rubia.  „Und das ist jetzt kein Einzelfall!“ 

„Das ist doch etwas ganz Anderes“, antwortete sie leicht verärgert. Ich habe einen Termin mit meinen Patienten, den ich wegen einem schweren Magenleiden eine Woche behandelt habe. Schließlich will ich mich mit ihm ja nur treffen und hören was er mir zu sagen hat. Es ist ja gar nicht gesagt, ob ich auf sein Angebot eingehen werde.“ 

Mia gab keine Antwort und sah ihre Freundin nur kopfschüttelnd an. Sie stand auf und sagte nur, dass sie erst einmal ein Kaffee machen würde und auch noch zwei Stück Kuchen von gestern übrig hat. Dagegen hatte Rubia nichts einzuwenden. Rubia las die Anzeige noch einmal und Mia sah ihr an, dass sie begann nachzudenken. Als sie Kaffee und Kuchen serviert hatte, sich wieder gegenübersaßen, begann sie erneut: 

„Rubia, bitte sei vorsichtig. Aber kannst du mir sagen, was er für ein Interesse haben kann, dir eine Stelle in Österreich oder in Deutschland zu besorgen?“ 

„Mein Gott, -  er war mein Patient. Ich weiß, dass er Paul Fritsche heißt  und mir ist auch seine Adresse bekannt.“ 

„Gut. Wann triffst du dich mit Ihm?“ 

„Morgen um 11.00 Uhr im Cafe Gerbeaud 

„Da habe ich leider Dienst, sonst hätte ich dich begleitet.“ 

„Mia, ich verspreche dir, dass ich dich nach dem Termin sofort besuche und dir  berichte.“ 

„Dann bin ich aber beruhigt. Und was ist jetzt mit Vladimir?“ 

„Es ist endgültig aus.“ 

Mia streifte wieder ihre Haare aus ihre Stirn und sagte nach kurzer Pause: 

„Du ziehst auf jedem Fall zu mir. Wir holen nachher deine Klomotten und sonstige persönliche Habseligkeiten.“ 

 

Rubia war aufgeregt und voller Spannung, als sie sich am nächsten Tag auf dem Weg machte. Waren die Bedenken ihrer Freundin gerechtfertigt?  Doch was sollte schon passieren?  Sie hatte ja seine Adresse und wusste, dass er  Paul Fritsche hieß,  in Österreich wohnt und bei einer Urlaubsreise in Ungarn krank geworden war, die Krankenhausrechnung in bar bezahlte  und  ein Luxussportauto fuhr.  Trotzdem nahm sie sich vor, misstrauisch und vorsichtig zu sein. Mit klopfenden Herzen betrat sie das Cafe Gerbeaud. Sie sah ihn am Fenster sitzen und er  winkte ihr freundlich zu. Er trug einen graugestreiften Anzug, weißes Hemd und eine rote Krawatte. am Ringfinger trug er einen glatten silbernen Siegelring mit dem Motiv der Erde.  Er stand auf, ging ihr entgegen  und begrüßte sie  herzlich. Trotz seines Alters von 55 Jahren, war er ein attraktiver Mann. Durch seinen Dreitagesbart, seine dicke Hornbrille und sein langes kräftiges Gesicht, vermittelten Rubia ihn als einen Manager. Selbst sein Bauch störte nicht bei seiner Größe von 1,90. Hatte bisher Rubia ihn nur als einen gewöhnlichen Patienten  in Erinnerung, so bekam sie nun ein ganz anderes und positives Erscheinungsbild von ihm. Sie meinte, dass sie ihm Vertrauen entgegenbringen durfte. Sie bestellte sich ein Eiskaffee, während er ein Bier vorzog. Sie erfuhr von ihm, dass er eigentlich gebürtiger Hamburger ist, aber durch den Stellenwechsel zu BASF  den Arbeitsbereich   Österreich und Bayern erhalten hatte und  deshalb  in Salzburg lebte. Seit 33 Jahren war er verheiratet und  hatte einen Sohn, der mit seiner Familie  in Amerika lebt. Durch die Tätigkeit als Repräsentant hatte er gute Verbindung zu dem Hotelgewerbe und sah keine Schwierigkeit ihr eine Stelle in einem Krankenhaus zu vermitteln. Sie wollte  ihm jedoch „auf  den Zahn“ fühlen und so stellte die Frage: 

„Was für einen Vorteil haben Sie, wenn Sie sich für mich einsetzen? Sie machen das  doch nicht aus reiner Nächstenliebe. Wenn Sie mir helfen über die Grenze zu kommen, so ist das auch für Sie mit großen Unannehmlichkeiten verbunden. Warum wollen Sie das also für mich machen? 

Das überraschende Gesicht und die nicht sofortige Antwort von Paul Fritsche gaben ihr  zu denken. Sicherlich hatte er mit dieser Frage nicht gerechnet. Er bestellte sich noch ein weiteres Bier und wendete sich dann zu Rubia: 

„Ich mache das für Sie.  weil Sie mir im Krankenhaus eine große Hilfe waren. Und warum soll ich Ihnen da nicht helfen, wenn ich gute Beziehungen zu Krankenhäusern habe? Ich habe  einen guten Freund, der geschäftlich viel in Österreich und Deutschland zu tun hat. Er würde Sie praktisch als seine Mitarbeiterin mitnehmen.“ 

Das leuchtete ihr ein. 

„Ich würde vorschlagen, fuhr er fort, „wir fahren zu meinem Freund Barbu und Sie lassen  sich erklären wie das vonstattengeht. Ob Sie dann Ihren Entschluss in die Tat umsetzen oder nicht, - das liegt ganz bei Ihnen.“ 

Sie überlegte. Ging sie damit ein Risiko ein? Langsam bekam sie Zweifel, ob sie nicht doch lieber in Ungarn bleiben sollte. Doch sie sollte sich informieren und diesen Barbu anhören. Danach würde sie sich mit ihrer Freundin beraten und vielleicht geht sie dann sogar mit. 

„Und wann können wir Ihren Freund treffen?“ 

„Meine Zeit ist stark bemessen. Durch meinen Aufenthalt im Krankenhaus bin ich nun in Zeitdruck.  Am besten wäre es, wir fahren gleich zu ihm und  Sie hören ihn einmal an.  Ich habe heute bereits mit ihm gesprochen und wir könnten ihn in seinem Betrieb aufsuchen, wo er heute noch Wichtiges zu erledigen hat. Wir werden etwa eine knappe  Stunde zu fahren haben.“ 

„Und  wo bleibe ich dann, wenn ich in Österreich oder Deutschland eintreffe? Ich brauche ja eine Unterkunft.“ 

„Sie sollen sich das jetzt ja alles nur einmal von meinem Freund erklären lassen. Ich bin morgen wieder in Österreich und sowie ich eine Arbeitsstelle für Sie gefunden habe, gebe ich Ihnen Nachricht und erst dann sollten Sie die Reise antreten.“ 

Sie dachte nach. Aber irgendwie wurde sie misstrauisch ohne erklären zu können, was der Grund ihres Misstrauens war. Sie spürte bei ihm eine leichte Ungeduld. Egal, sie würde den Barbu anhören und dann mit ihrer Freundin sprechen. 

„Wann können wir zu Barbu gehen?“, fragte sie. 

„Am besten jetzt sofort.“ 

Sie sagte zu. 

Während der Fahrt zu diesen Barbu sprach er die ganze Zeit, über seine Familie und seinen Werdegang. Sie fasste immer mehr Vertrauen zu ihrem früherem Patienten. Nach einer halben Stunde hatten sie Sie  Budapest verlassen und fuhren Richtung Bicske.   Ihr kamen wieder Zweifel auf und sie musste an Mia denken. 

„Verdammt“, hörte sie ihn sagen. Die Öllampe leuchtet auf und ich muss dringend Öl nachfüllen. Gott sei Dank habe nach meiner letzten Nachfüllung  noch etwas übrig. Am nächsten Parkplatz müssen wir kurz halten. 

Sie wurde stutzig aber  beruhigte sich schnell wieder.  Nach etwa 10 Minuten fuhr er in ein Waldparkplatz ein.   Außer einem gelben Kastenwagen parkte hier kein anderes Fahrzeug. Er stieg aus, ging zum Kofferraum und kam mit einer Plastikflasche und ein Tuch zurück. Als er bei ihr war, stürzte er sich auf sie und presste ihr das Tuch über ihr Gesicht. Sie wurde schwach, spürte nur noch wie sie zusammensackte und   dunkel wurde. 

 

Langsam kam sie wieder zu sich.  Rundherum Dunkelheit.  Rubia  Vasilescu konnte nichts erkennen. Doch das Rütteln und die Fahrgeräusche sagten  ihr, dass sie sich in einem Fahrzeug befand, was keine Fenster oder sonstige Lichtquellen besaß. Sie war an Arme und Beine  gefesselt und man hatte ihr zusätzlich den Mund zugebunden. Alle Versuche sich von den Fesseln zu lösen, waren zum Scheitern verurteilt. Die Stricke waren stark angezogen und fraßen  sich ins Fleisch ein. Sie war ihren Patienten auf dem Leim gegangen und bekam das gleiche Schicksal wie alle anderen entführten Frauen. Sie war  zu Handelsware geworden. Warum hatte sie nicht auf Mia gehört? Sie versuchte ruhig zu bleiben, damit sie noch die Kraft aufbringen konnte, falls sich die Möglichkeit einer Flucht bot. Wo war sie? Wie lange waren sie schon unterwegs und wie lange dauert noch die Reise? Der Wagen lag ruhig auf der Straße und somit befanden sie sich auf einer Fernstraße.   Nach unendlichen Stunden kam der Lieferwagen zum Stehen und harrte eine ganze Weile aus, ohne dass  etwas Nennenswertes passierte.  Sie hörte gedämpfte Stimmen in Englisch, welche sie jedoch nicht verstehen konnte.  Der Wagen fuhr  langsam ein Stück weiter und meinte, dass sie leicht abwärts fuhren. Dann standen sie wieder und sie hörte ein Geräusch, als wenn sich ein großes Tor öffnete. Kurz darauf blieb der Wagen stehen. Die hintere Tür wurde aufgeschoben und ein maskierter Mann betrat den Wagen, beugte sich zu ihr,  löste ihre Fesseln, schwang ein Seil um ihren Hals und verband mit einer schwarzen Binde ihre Augen. Durch den Zug der Leine wurde ihr klar gemacht, dass sie aufzustehen hat. Er hob sie danach auf, hob sie aus dem Wagen  und setzte sie auf dem Boden. Mit den Zug der Leine wurde ihr klar gemacht, dass sie zu gehen hatte.  Sie zählte 11 Schritte als sie an einer Treppe ankamen welche sie heruntersteigen musste. Nach 19 Stufen waren sie unten angekommen. Sie hörte das Öffnen einer Tür und nachdem sie durchgetreten waren, vernahm sie das Schließen der Tür. 

Es roch muffig und feucht. Wenn sie einen seitlichen Schritt ausführte, bekam sie Kontakt mit einer Steinwand. Zur Ablenkung begann sie  ihre Schritte zu zählen und nach 216 Schritten hörte sie ihren Entführer mit blecherne Stimme befehlen: „Bleib stehen.“ Als Ärztin wusste sie, dass er eine Kehlkopfoperation hinter sich hatte.  Er nahm ihr die Augenbinde ab. Ihr Blick richtete sich zurück und zeigte ihr, dass sie die ganze Zeit durch einen unterirdischen schwach beleuchteten Gang gegangen waren. Er packte sie  am Arm und schupste sie durch eine geöffnete Tür. Stolpernd betrat sie einen Vorraum. Zwei weitere Türen führten von hier aus zu anderen Räumlichkeiten. Er befahl ihr die rechte Tür zu öffnen und stieß sie dann in einen Raum, welcher ein Ausmaß von gut 100 qm besaß. Der Raum war stark beleuchtet. An der ganzen Frontseite der Wand hatte man  eine  Berglandschaft produziert.  Die Strahler, die großen Kameras und die  sonstigen Gegenstände bestärkten sie zu der Erkenntnis, dass dieses hier ein Filmatelier war. Bevor sie sich weiter umsehen konnte, erhielt sie einen Stoß in den Rücken und hörte die blecherne Stimme: 

„Los ab  zu den anderen Frauen!“ 

„Was geschieht mit mir?“, schrie sie. 

 Der „Blechkopf“ schob den Türriegel zur Seite, riss die Tür auf und gab ihr mit den Fuß einen Stoß in den Hintern. Sie stürzte flach auf den Boden, die Tür knallte hinter ihr zu und sein menschenverachtendes Lachen hallte nach. Langsam richtete sie sich auf und erstarrte, als sie die vielen Frauen im Raum stehen sah. Der Raum war sehr groß, an drei Seiten hatte man Feldbetten aufgestellt und in der Mitte stand ein langer Tisch mit Plastikstühlen. Die Älteste, eine bildhübsche Frau mit kurzgeschnittenen schwarzen Haaren und feingeschnittenes Gesicht kam zu ihr näher und sagte ruhig mit einer dunklen Stimme: 

„Du wirst dich mit deinem Schicksal abfinden müssen“, sagte sie zu ihr in Englisch.  „Aber verliere jetzt nicht den Mut. Irgendwann wirst auch du eine Chance zur Flucht erhalten.“ 

„Was ist hier los?“, schrie Rubia aufgebracht und zitterte am ganzen Leib. 

„Das siehst du doch!“, rief ihr erregt ein sehr junges schlankes Mädchen zu. 

Die älteste der Frauen stellte sich mit Petra Krapitsch vor. Mit einer Handbewegung gab sie allen Frauen zu verstehen, ruhig zu bleiben. Es stellte sich heraus, dass die meisten aus Ungarn Rumänien, Slowenien und Serbien  kamen, die bis auf eine Frau, alle die russische oder englische Sprache beherrschten. Mit ruhiger Stimme begann Petra Krapitsch: 

„Uns hat man alle entführt und nur zu dem einzigen Zweck, uns an reiche Verrückte zu verkaufen. Einige werden wohl auch in einem Bordell landen. Es kommen alle paar Tage neue Frauen hinzu und andere gehen an den Käufer. Ich bin die älteste, weil auch einige Käufer keine jungen Frauen wünschen. Gestern hat man sogar eine Frau mit 44 abgeholt. Du wirst morgen fotografiert, man wird ein Film von dir machen, du musst verschiedene Klomotten anziehen, du musst dich zum Schluss ausziehen, musst zu einer feurigen Musik tanzen, dabei erotische Bewegungen ausführen,  und man wird von dir viele Aufnahmen machen. Das ist sehr erniedrigend. Aber ich warne dich! Mach das, was man von dir verlangt.  Die Frauen, welche dazu nicht bereit waren, wurden mit der Peitsche gefügig gemacht. Also, lass es über dich ergehen. Und irgendwann kommt so ein reicher Bonze. Der holt dich aber nicht selbst  ab. Du wirst dem zugeliefert, - ausgeliefert wie ein Stück Ware. Wir haben alle nur die eine Hoffnung, dass wir uns mit einer Flucht aus den Klauen dieser  Gauner befreien können. Also, lass alles über dich ergehen und warte auf deine Gelegenheit.“ 

Petra Krapitsch nahm sie an die Hand, führte sie zu einem noch freien Bett, setzte sich neben sie, streichelte ihr über den Kopf und versuchte  Trost zu spenden.