Der Ruf der Schöpfung

ISBN 978-3-8391-6366-5   (Buchhandel, Amazon) 


Als Ralf Hansen 18 Jahre wird, tritt mit ihm eine außergewöhnliche Wandlung ein, die ihm keine Ruhe mehr lässt und  verzweifelt. 

Der 2. Weltkrieg geht zu Ende und die Russen besetzen im März 1945 das Ostseebad Stolpmünde. Die Wirren der Nachkriegszeit werfen tiefe Schatten auf Familie und Freunde. Ralf Hansen, der öfter alleine sein muss, sucht an einem Sommertag den Wald auf. Hier erlebt er zum ersten Mal seinen ersten Kontakt mit der Schöpfung, deren Bedeutung er noch nicht erkennt. Auf dem Heimweg wird er gezwungen den ersten Menschen zu töten. Er, sein Freund Uwe Prade, sowie sein Bruder Herbert und Uwes Bruder müssen flüchten. Unterwegs werden sie von polnischen Soldaten angegriffen und hier setzt Ralf seine gewonnene Macht zum ersten Mal bewusst ein und tötet drei Angreifer. 

Ralf verzweifelt, weil er erkennt,  dass er sich verändert,  seine Macht sich ständig ausdehnt und unüberwindbar geworden ist. In einer russischen Kaserne lernt er die Russin Ina kennen  und seine Liebe zu ihr erwacht.  Als er Kontakt mit dem Geisteswesen ETWAS bekommt, hört er den Ruf der Schöpfung und ihm wird bewusst, dass sich die Menschheit dem Abgrund zubewegt und er als Wächter der Erde berufen wurde. Er und Uwe Prade altern nicht mehr und eine tiefe Einsamkeit macht sich bei ihnen breit. So wird auch seine Liebe zu Ina durch die Zeit zerstört.

Leseprobe

 

9. Januar 1945 

Ostseebad Stolpmünde. 

 

                Kilometerlanger, breiter weißer Strand. Große dunkle Kiefernwälder.  blaues, glasklares Wasser, welches sich wie ein Juwel vor einem ausbreiten konnte. Doch bei Sturm legte die See sehr schnell seine Ruhe ab, zeigte sich von seiner rauen Seite mit meterhohen Wellen die mit voller Wucht gegen den Strand peitschten. Fünfzehn   Minuten von hier lag mitten im Zentrum unseres kleinen Städtchens mein Elternhaus. Während wir im 2. Stock des Hauses in einer großen Wohnung wohnten, - waren noch 2 weitere Familien im I Stock unterbracht. Diese hatten jedoch auf Grund des heranrückenden Russen die Flucht Richtung Westen angetreten. Unser Wohnzimmer hatte einen großen Erker. Geradeaus konnte man den Hafen und Züge sehen, wenn diese vorbeifuhren. Rechts und links hatte man einen schönen Ausblick zu beiden Straßenseiten. 

 

                Langsam wurde es morgen. Die Nacht hatte sich verabschiedet und es wurde langsam hell. Uwe, mein bester Freund war bei mir. Ich drehte mich zum ihm um. Friedlich und im tiefen Schlaf lag er da. Ich wusste, dass er ein Langschläfer war aber dafür bis in die Nacht durchhalten konnte. Ich reckte mich. Es war lausig kalt und ich spürte keine Lust aus meinem warmen Bett zu steigen. Ich blickte zum Fenster welches voll mit Eisblumen bedeckt war. Eine ganze Weile lag ich so da, bis ich mich dann doch aufraffte.  Um aus dem Fenster hinausschauen zu können, bohrte ich mit meinem Atem eine Öffnung. Die ganze Nacht musste es geschneit haben, denn es lag eine Unmenge von Schnee auf der Straße. Zwei Pferdewagen wälzten sich durch den tiefen Schnee. Die Menschen auf dem Wagen saßen in gebückter Haltung und waren in Decken eingepackt. Ich wusste, dass sie vor den heranrückenden Russen auf der Flucht waren. Ich bekam Angst. Hätten wir nicht auch flüchten müssen? Ich behauchte das Fenster weiter, um die Sicht nach draußen zu vergrößern. 

                 „Hat es heute Nacht geschneit?“, hörte ich plötzlich Uwe fragen. 

Ohne auf meine Antwort zu warten, stand er schon neben mir. 

                „Wie spät haben wir es Ralf?“ 

 Ich schaute auf meiner Uhr. „Es ist gleich 9.00 Uhr und ich muss sagen, dass ich Hunger habe.“ 

                 Wir gingen ins Bad, zogen uns an und betraten das Esszimmer. Dort saßen schon meine Eltern, sowie Heinz Prade, ein enger Freund meines Vaters und Frida eine langjährige Freundin meiner Mutter. Sie waren mit dem Frühstück bereits fertig. Wir setzten uns auf unseren Platz und begannen herzhaft zu essen. Doch großes Schweigen war wohl angesagt, denn alle starrten sich gegenseitig an und ihren Gesichtern nach zu urteilen war die Stimmung frostig. Wie heute das Wetter, durchfuhr es mir. Mein Hunger verflog als ich in die bedrückten und schweigsamen Gesichter schaute. Uwe und ich gingen dann bald wieder in mein Zimmer, zogen uns warm an und hauten ab. Doch es war zu kalt, um es länger draußen auszuhalten. So waren wir schon wieder nach einer Stunde zu Hause. Nachdem wir unsere Kleider gewechselt hatten, gingen wir ins Wohnzimmer. Mein Vater stand am Erkerfenster. Er war mittelgroß, von schlanker Statur, trug einen Oberlippenbart, war stets ernst und nicht sehr gesprächig. Ich hatte ihn eigentlich nie lächeln sehen, niemals lachen hören. Auch konnte ich mich nicht daran erinnern, dass ich einmal auf seinem Schoß gesessen wäre oder sonst besonders liebevoll von ihm beachtet wurde. Neben ihm stand sein Freund Heinz Prade. Er war gut ein Kopf größer, sein Gesicht hager und schmal, sein Körper so dünn, dass man glauben könnte er würde in der Mitte auseinanderbrechen.  Hervorstechend waren seine stets wachen strahlenden Augen, aber seine Stimme für einen so schmächtigen männlichen Körper eigentlich viel zu dunkel. 

                “Hans“, hörte ich ihn mit seiner Bassstimme sagen. „Es sieht schlimm aus. Der Krieg ist verloren und ich weiß nicht was wir machen können um uns und unsere Familie in Sicherheit zu bringen.“ 

                Es herrschte eine ganze Weile Stille. Uwe und ich setzten uns ins äußerste Eck und hörten angespannt zu. Heinz drückte seine Zigarette im Aschenbecher aus.            

                „Hans, fuhr er fort, - es ist einfach alles zu spät um uns in Sicherheit zu bringen. Der Russe ist schon zu weit vorgedrungen. Von dem Russen haben wir nichts Gutes zu erwarten und im Westen stehen seine Verbündeten. Könnten wir noch nach dem Westen ausweichen, - so hätten wir noch eine größere Chance eine gewisse Sicherheit zu bekommen.“ 

                Mein Vater schaute ihn tiefsinnig an, sagte aber kein Wort. Heinz ging zu einem der beiden Sessel um sich dort seufzend niederzulassen. Mein Vater folgte seinem Beispiel. Sie schauten sich schweigend an. 

                „Wie geht es Karoline“, hörte ich meinen Vater seinen Freund fragen. „Ist ihr Gesundheitszustand weiterhin unverändert?“ 

                „Ja Hans, - Karoline geht es sehr schlecht, dass ich mit dem Schlimmsten rechnen muss. Karoline ist ein Pflegefall geworden und der Arzt gibt ihr nur noch höchstens drei Monate. Mein Sohn Fritz ist bei ihr.“ 

                Eine ganze Zeit war ich in Gedanken weggetreten und so hörte ich gerade noch, als mein Vater sagte:  ……dabei an Flucht denken. Das ist für Dich schon wegen Karoline unmöglich.  Wir hätten viel früher handeln müssen.“ 

                Er nahm   aus der Schublade zwei Zigarren, reichte eine davon Heinz und so bliesen sie bald den Rauch in die Luft. 

                 „Hans“, hörte ich Heinz wieder sagen, „du musst mit deiner Familie fort.  Was glaubst du, wenn die Russen erfahren, dass du in der Partei bist?“   

                „Mein Gott Heinz, ich bin doch nur eingetreten, um meine Weberei weiterführen zu können. Auch fühlte ich mich immer dem Personal verantwortlich.“  

                „Dass Hans, das interessiert die nicht. Abgesehen davon, dass du wie auch ich eine höhere Funktion in der Partei bekleidet haben“, erwiderte er etwas ungehalten. „Bring wenigstens du dich mit deiner Familie in Sicherheit.“ 

                Verzweifelt schaute mein Vater seinen Freund an. 

                „Und mein anderer Sohn, der an der Front ist? Was ist mit ihm?  Kann ich fortgehen ohne zu wissen, wo er ist, ob er wiederkommt? Haus, Fabrik, einfach alles verlassen? Kannst du das Heinz? Alles was du geschaffen hast auf einem Schlag verlieren?“ 

                Er drehte sich um und schaute resigniert aus dem Fenster. Frida, welche bisher an ein anderes Fenster gestanden hatte, ging zu meinem Vater, nahm seine beiden Hände, schaute ihn eine ganze Weile in die Augen und sagte kein Wort. Für meine Begriffe schaute sie ihn zu lange an und mir kam der Gedanke, dass es nicht nur Freundschaft war was die beiden verband. Aber das konnte doch nicht sein? Frida war eine verdammt tolle Frau. Sie war etwas größer als meine Mutter, hatte ein sehr hübsches Gesicht. Ihre blonden Locken bedeckten ihre Stirn. Doch ihre blauen Augen strahlten immer eine gewisse Traurigkeit aus. Trotzdem sie sehr schlank war, hatte sie eine Figur die jedem Mann nur begeistern konnte. Ihre Rundungen übten auf mich schon einen gewissen Reiz aus. Während ich sie so betrachtete, betrat meine Mutter den Raum. Frida ließ die Hand meines Vaters sehr schnell los und setzte sich auf einen Sessel. Ich machte mir darüber Gedanken. Uwe schaute zu mir und nickte mit dem Kopf. Also hatte auch er etwas gemerkt. Meine Mutter war eine kleine schlanke aber sehr attraktive Frau und wie ich meinte auch mit einer sehr erotischen Ausstrahlung. Ihre langen braunen Haare umspielten ihr schmales, ausdrucksvolles Gesicht, die dunklen Augen hatten einen stets nachdenklichen tiefgründigen Blick. Ihre Art ruhig und langsam zu sprechen wirkte beruhigend. Hatte ich Kummer, dann war sie stets für mich da, drückte mich und streichelte sehr häufig meine Wangen. Ich liebte sie. Für meinen Vater hatte ich weniger Gefühle, - er war einfach da. Heinz riss mich aus meinen Gedanken als er sagte:             

                „Wir können versuchen noch ein Schiff zu kriegen um aus der Gefahrenzone zu entkommen. Aber wir haben keine Beziehungen.“ 

„Das ist vielleicht noch eine Möglichkeit um sich darüber Gedanken zu machen“, hörte ich meinem Vater nachdenklich antworten. „Aber es wird schwer sein noch Platz zu bekommen.“ 

„Doch es gibt eine Möglichkeit“, bemerkte Frieda. „Mein Bruder ist auf der Gustlow Zahlmeister.  Wenn ich mit ihm Verbindung erhalte, bestände eventuell die Möglichkeit, dass es noch klappen könnte.  Ich muss mit ihm dann Kontakt aufnehmen.“ 

                Meine Mutter schüttelte den Kopf und antwortete mit ruhiger, aber bestimmter Stimme: 

                „Ich bin strikt dagegen, weil ich fühle, dass wir nicht ankommen werden.“ 

                 „Unsinn“, hörte ich meinen Vater ungehalten sagen. 

                Auch jetzt kam mir wieder der Gedanke, dass es mit meinen Eltern nicht mehr so gut lief. Der Blick zu meiner Mutter bestätigte meinen Verdacht. Was den Vorahnungen meiner Mutter betraf, so kann ich mich nicht erinnern, dass sie einmal falsch gelegen wäre.  Diese Vorahnungen wühlten mich auf und erst viel später sollte mir klarwerden, dass auch ich damit in noch viel stärkerem Maße behaftet sein werde.  Mein Vater wendete sich zu Frida und sprach zu ihr mit einer Stimme, welche jeden Einspruch ausschloss: 

                 „Du versuchst zu deinem Bruder Kontakt aufzunehmen und wenn wir Platz auf dem Schiff kriegen, werden wir über die Ostsee flüchten.“ 

                Ma war schon dabei aus dem Zimmer zu gehen, drehte sich noch einmal um und sagte ruhig, aber bestimmt: 

                 „Auf keinem Fall werde ich auf das Schiff gehen. Und die Kinder bleiben hier. Ich bin mir viel zu sicher, dass wir unser Ziel nicht erreichen werden.   Wenn du Hans meinst, dass du gehen musst dann darfst du das gerne tun. Nehme Frida am besten gleich mit was du letzten Endens ja auch wünscht.“ 

                Ohne eine weitere Antwort von meinem Vater abzuwarten, entfernte sie sich aus dem Zimmer und schlug die Tür mit voller Wucht zu. So hatte ich sie noch nie erlebt. Uwe und ich sahen uns an. In mir brach eine Welt zusammen. Uwe trat zu mir, legte seine Hand auf meiner Schulter und versuchte mich zu trösten. Heinz stand wie versteinert da, nahm langsam aus seiner Zigarettenschachtel eine Zigarette und steckte sich diese mit zittrigen Händen an. 

                „Oh“, sagte er. „Wenn das stimmt Hans, dass hätte ich von dir nicht gedacht und erwartet.“ 

                Mir war bekannt, dass Heinz meiner Mutter einmal eine Liebeserklärung gemacht hatte und sie zutiefst verehrte.  Frida schaute auf den Boden. Es herrschte eine eisige Kälte im Raum. Ich konnte das nicht mehr ertragen und gab Uwe ein Zeichen das Zimmer zu verlassen. Ich musste fort und trotz der Kälte gingen wir an die Ostsee. Dort türmten sich ganze Eisberge. Der eisige Wind zerschnitt uns das Gesicht. Trotz dem schlechten Wetter trottelnd wir einige km den Strand entlang.  In mir brach eine heile Welt zusammen.